Emma zog an einem kalten Novembertag in ihre neue Wohnung ein. Das Gebäude war alt, aber schön, mit hohen Fenstern und Holzböden. Beim Aufräumen des Schlafzimmerschranks fand sie etwas Ungewöhnliches. Hinter einem alten Regal lag ein gelber Umschlag. Das Papier war dünn und brüchig vor Alter. Emma öffnete den Umschlag vorsichtig. Darin befand sich ein handgeschriebener Brief vom 15. März 1962. 'Meine liebste Helen', begann der Brief. 'Ich schreibe dir, um dir etwas Wichtiges zu sagen.' 'Ich liebe dich seit dem Tag, an dem wir uns in der Buchhandlung kennengelernt haben.' 'Aber ich war zu schüchtern, um dich anzusprechen.' 'Ich hoffe, es geht dir gut. In Liebe, Robert.' Emma las den Brief dreimal. Sie fragte sich, ob Helen jemals eine Kopie dieses Briefes erhalten hatte. Oder war dies das einzige Exemplar, versteckt und nie abgeschickt? Emma beschloss, der Sache nachzugehen. Am nächsten Morgen klopfte sie bei ihrer Nachbarin an. Eine ältere Frau mit silbernem Haar öffnete die Tür. 'Hallo, ich bin Emma. Ich bin gerade nebenan eingezogen.' 'Willkommen im Haus', sagte die Frau herzlich. 'Ich heiße Margaret. Ich wohne seit vierzig Jahren hier.' Emma zeigte Margaret den alten Brief. Margarets Augen wurden groß, als sie ihn las. 'Oh mein Gott', flüsterte sie. 'Ich weiß, wer diesen Brief geschrieben hat.' 'Robert Miller hat vor vielen Jahren in Ihrer Wohnung gewohnt.' 'Er war ein ruhiger Mann, der in der Bibliothek gearbeitet hat.' 'Und Helen?', fragte Emma. Margaret lächelte sanft. 'Helen war meine Mutter. Ihr gehörte die Buchhandlung in der Eichenstraße.' Emma war erstaunt über den Zufall. 'Wusste Ihre Mutter jemals von Roberts Gefühlen?' 'Nein, sie wusste es nie', sagte Margaret traurig. 'Robert war sehr schüchtern. Er kam jede Woche in die Buchhandlung.' 'Aber er tat immer so, als würde er nach Büchern suchen.' 'Er hat ihr nie gesagt, was er für sie empfand.' Emma tat Robert leid. Er hatte einen wunderschönen Brief geschrieben, ihn aber nie abgeschickt. 'Was ist aus Robert geworden?', fragte sie. 'Er ist 1965 weggezogen', antwortete Margaret. 'Niemand weiß, wohin er gegangen ist.' Emma überlegte einen Moment. 'Möchten Sie diesen Brief behalten?', bot sie an. 'Er war schließlich für Ihre Mutter bestimmt.' Margarets Augen füllten sich mit Tränen. 'Danke, Emma. Das bedeutet mir so viel.' 'Meine Mutter ist letztes Jahr gestorben.' 'Sie hat sich immer gefragt, warum Robert nicht mehr in die Buchhandlung kam.' 'Jetzt verstehe ich. Er hatte zu viel Angst, sie anzusprechen.' Von diesem Tag an wurden Emma und Margaret gute Freundinnen. Sie tranken oft zusammen Tee in Margarets Wohnung. Margaret erzählte Geschichten über das Gebäude und das alte Viertel. Emma liebte es, Geschichten aus der Vergangenheit zu hören. Eines Abends zeigte Margaret Emma ein altes Foto. Auf dem Bild stand eine junge Frau vor einer Buchhandlung. 'Das ist meine Mutter Helen', sagte Margaret stolz. Emma lächelte, als sie das Foto sah. Sie war froh, dass sie den geheimnisvollen Brief gefunden hatte. Er hatte zwei Fremde zusammengebracht und eine neue Freundschaft entstehen lassen. Manchmal verbindet uns die Vergangenheit auf unerwartete Weise mit der Gegenwart.

German Story (A2)Der geheimnisvolle Brief
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aboutStory
Emma findet einen geheimnisvollen alten Brief, der in ihrer neuen Wohnung versteckt war. Bei ihren Nachforschungen entdeckt sie ein rührendes Geheimnis über die Vergangenheit des Gebäudes und freundet sich unerwartet mit einer Nachbarin an.
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Comprehension Questions
4 questions
1
Wo fand Emma den geheimnisvollen Brief?
2
Wer war Helen?
3
Warum hat Robert den Brief nie abgeschickt?
4


