Emma hatte es immer geliebt, das alte Haus ihrer Großmutter auf dem Land zu besuchen. Das Haus war voller Erinnerungen und alter Möbel, die Geschichten aus der Vergangenheit erzählten. Ihre Großmutter war vor drei Monaten gestorben, und Emma half dabei, ihre Sachen zu sortieren. Eines Nachmittags beschloss Emma, den staubigen Dachboden zu erkunden, den sie bisher gemieden hatte. Sie stieg die schmale Holztreppe hinauf und drückte die knarrende Tür auf. Der Dachboden war dunkel, und die Luft roch nach altem Papier und vergessener Zeit. Überall stapelten sich Kisten, und alte Kleider hingen von Holzbalken. Emma schaltete ihre Taschenlampe ein und begann, die staubigen Schätze zu durchsuchen. In einer Ecke, versteckt hinter einem zerbrochenen Spiegel, fand sie eine kleine Holztruhe. Die Truhe war verschlossen, aber Emma bemerkte einen kleinen Schlüssel, der an einem Nagel darüber hing. Mit schneller schlagendem Herzen nahm sie den Schlüssel und öffnete die Truhe. Darin fand sie ein ledergebundenes Tagebuch mit dem Namen ihrer Großmutter auf dem Einband. Das Tagebuch war von 1962, dem Jahr, in dem ihre Großmutter zwanzig Jahre alt geworden war. Emma setzte sich auf einen alten Koffer und begann, die verblasste Handschrift zu lesen. Die ersten Einträge handelten vom Alltag, aber bald wurde das Geschriebene emotionaler. Ihre Großmutter schrieb über einen jungen Mann namens Thomas, den sie bei einem Dorffest kennengelernt hatte. Sie hatten sich in jenem Sommer 1962 tief ineinander verliebt. Emma war verwirrt, denn ihr Großvater hatte Peter geheißen, nicht Thomas. Sie las weiter, begierig, das Rätsel zu verstehen. Die Tagebucheinträge beschrieben geheime Treffen bei der alten Eiche am Fluss. Thomas war ein Künstler gewesen, der davon träumte, nach Paris zu ziehen, um Malerei zu studieren. Ihre Großmutter hatte geschrieben, wie sie gemeinsam Pläne für die Zukunft machten. Aber dann hörten die Einträge im September 1962 abrupt auf. Der letzte Eintrag war anders als alle anderen. Ihre Großmutter hatte geschrieben, dass Thomas das Dorf für immer verlassen würde. Seine Eltern hatten ihre Beziehung nicht gebilligt und arrangiert, dass er ins Ausland zog. Die Worte auf der Seite waren von alten Tränenflecken verwischt. Emma spürte, wie sich Tränen in ihren eigenen Augen bildeten, als sie das Herzleid ihrer Großmutter las. Sie schloss das Tagebuch und sah sich auf dem Dachboden um, fragend, was danach passiert war. An diesem Abend rief Emma ihre Mutter an, um nach dem mysteriösen Thomas zu fragen. Ihre Mutter schwieg lange, bevor sie antwortete. 'Ich wusste, dass du dieses Tagebuch eines Tages finden würdest', sagte ihre Mutter leise. Sie erklärte, dass Thomas die große Liebe im Leben ihrer Großmutter gewesen war. Aber als Thomas ging, hatte ihre Großmutter keine andere Wahl, als mit ihrem Leben weiterzumachen. Ein Jahr später hatte sie Peter geheiratet, einen freundlichen und beständigen Mann aus einer nahen Stadt. 'Deine Großmutter liebte Peter', fügte ihre Mutter hinzu, 'aber Thomas war immer in ihrem Herzen.' Emma kehrte am nächsten Morgen auf den Dachboden zurück, um nach mehr Hinweisen zu suchen. In derselben Holztruhe, unter der Stelle, wo das Tagebuch gelegen hatte, fand sie ein Bündel alter Briefe. Die Briefe waren von Thomas, aus Paris über mehrere Jahre geschickt. Er hatte nie aufgehört, sie zu lieben, und er hatte ihr auch nach ihrer Hochzeit geschrieben. Der letzte Brief war von 1998, nur wenige Jahre bevor Thomas gestorben war. In diesem Brief schrieb Thomas, dass er ein erfolgreicher Maler in Frankreich geworden war. Er erwähnte, dass er im Laufe der Jahre viele Porträts von ihr aus dem Gedächtnis gemalt hatte. Emma war von dieser Enthüllung tief bewegt. Sie beschloss, im Internet nach Thomas' Gemälden zu suchen. Nach stundenlanger Suche fand sie eine Galerie-Website, die seine Werke zeigte. Es gab Dutzende von Gemälden, und viele davon waren Porträts einer jungen Frau. Die Frau auf den Gemälden hatte die gleichen Augen und das gleiche Lächeln wie ihre Großmutter. Emma kontaktierte die Galerie, um mehr über Thomas und seine Kunstsammlung zu erfahren. Der Galeriebesitzer erzählte ihr, dass Thomas nie geheiratet hatte. Er hatte sein ganzes Leben seiner Kunst und der Erinnerung an seine einzig wahre Liebe gewidmet. Vor seinem Tod hatte Thomas Anweisungen hinterlassen, dass seine Gemälde verkauft werden sollten. Aber es gab ein Gemälde, das er niemals verkaufen wollte. Er hatte darum gebeten, dass dieses besondere Gemälde den Nachkommen der Frau gegeben werde, die er liebte. Die Galerie hatte jahrelang erfolglos nach der Familie gesucht. Emma konnte nicht glauben, was sie hörte. Sie legte einen Beweis ihrer Familienverbindung vor und arrangierte, das Gemälde zu erhalten. Eine Woche später kam ein großes Paket im Haus ihrer Großmutter an. Emma packte das Gemälde vorsichtig aus und schnappte nach Luft, als sie es sah. Es war ein wunderschönes Porträt ihrer Großmutter als junge Frau, stehend bei der alten Eiche. Das Gemälde fing die gleiche Freude und Liebe ein, über die Emma im Tagebuch gelesen hatte. Auf der Rückseite des Gemäldes war eine kleine Notiz in Thomas' Handschrift. Es stand: 'An meine Geliebte, die einzige Frau, die ich je geliebt habe. Möge deine Familie wissen, wie besonders du warst.' Emma hängte das Gemälde an einem Ehrenplatz im Wohnzimmer auf. Jetzt erinnerte sie sich jedes Mal, wenn sie es ansah, an die unglaubliche Liebesgeschichte, die im alten Tagebuch verborgen war.

German Story (B1)Das alte Tagebuch
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aboutStory
Emma entdeckt das versteckte Tagebuch ihrer verstorbenen Großmutter auf dem Dachboden, das eine geheime Liebesaffäre von 1962 mit einem Mann namens Thomas enthüllt. Ihre Nachforschungen führen zu Thomas' Gemälden, darunter ein besonderes Porträt, das er für die Familie ihrer Großmutter hinterließ.
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Comprehension Questions
4 questions
1
Wo hat Emma das alte Tagebuch gefunden?
2
Warum hat Thomas 1962 das Dorf verlassen?
3
Was wurde Thomas in Frankreich?
4


