Dorian schlief in jener Nacht schlecht. Er träumte von Sibyls tränenüberströmtem Gesicht. Als er aufwachte, schämte er sich für seine Grausamkeit. Er beschloss, zu ihr zu gehen und sich zu entschuldigen. Er würde sie trotz allem heiraten, egal was geschah. Er setzte sich, um ihr einen Brief zu schreiben. Er füllte Seite um Seite mit Liebesworten. Er bat sie um Verzeihung für seine schrecklichen Worte. Gerade da meldete sein Diener Lord Henry an. Dorian legte lächelnd seinen Stift nieder. 'Harry! Ich habe gerade an Sibyl geschrieben.' 'Ich werde sie bitten, mir zu vergeben.' Lord Henrys Gesicht war ungewöhnlich ernst. 'Dorian, ich habe schreckliche Neuigkeiten.' 'Was ist es? Ist etwas nicht in Ordnung?' 'Sibyl Vane ist tot.' Dorian sprang von seinem Stuhl auf. 'Tot? Das ist unmöglich!' 'Ich fürchte, es ist wahr.' 'Sie hat sich letzte Nacht das Leben genommen.' 'Sie hat im Theater Gift geschluckt.' Dorian sank in seinen Stuhl zurück. Sein Gesicht war völlig weiß geworden. 'Es ist meine Schuld,' flüsterte er. 'Ich habe schreckliche Dinge zu ihr gesagt. Ich habe sie umgebracht.' Lord Henry setzte sich neben ihn. 'Nein, Dorian. So darfst du nicht denken.' 'Sie hat sich dafür entschieden. Es war ihre Entscheidung.' 'Außerdem, betrachte es als eine schöne Tragödie.' 'Sie starb für die Liebe, wie die Heldinnen, die sie spielte.' Dorian sah Lord Henry mit Entsetzen an. 'Wie kannst du das sagen? Eine Frau ist tot!' 'Ja, und was für ein Tod. Was für ein romantisches Ende.' 'Sie hat nie wirklich gelebt. Sie hat nur gespielt.' 'Und jetzt hat sie ihre größte Rolle gespielt.' Dorian schwieg lange Zeit. Dann geschah etwas Seltsames. Er begann, die Wahrheit in Lord Henrys Worten zu sehen. Sibyl hatte ein romantisches Leben gewollt, und sie hatte eines bekommen. Ihr Tod war wie eine Szene aus einem Theaterstück. 'Du hast recht, Harry,' sagte er langsam. 'Es ist traurig, aber auch schön.' 'Ich darf mich nicht mit Trauer zerstören.' Lord Henry lächelte zufrieden. 'Gut. Komm heute Abend mit mir in die Oper.' 'Das Leben muss schließlich weitergehen.' Nachdem Lord Henry gegangen war, ging Dorian zum Porträt. Ja, der grausame Zug war noch immer da. Der Mund, der einst süß gelächelt hatte, sah jetzt hart aus. Sein Wunsch war in Erfüllung gegangen. Das Porträt würde die Male seiner Sünden tragen. Und er würde für immer jung bleiben. Er hätte von diesem Gedanken entsetzt sein sollen. Aber stattdessen fühlte er eine seltsame Erregung. Er konnte jetzt tun, was immer er wollte. Er konnte jede Freude, jede Sünde erleben. Sein Gesicht würde niemals die Folgen zeigen. Nur das Porträt würde sich verändern. Er lächelte das Gemälde an. 'Arme Sibyl,' sagte er leise. 'Aber du hast mir Freiheit gegeben.' 'Jetzt kann ich so leben, wie Lord Henry sagt, dass ich sollte.' 'Ich kann alles erleben, alles fühlen.' 'Und das Porträt wird den Preis bezahlen.' Er bedeckte das Gemälde mit einem Tuch. Niemand sonst durfte es jemals sehen. An jenem Abend ging er mit Lord Henry in die Oper. Er lachte und redete, als wäre nichts geschehen. Irgendwo lag Sibyl kalt und tot. Aber Dorian hatte sie bereits vergessen.
B1Chapter 8 / 20511 words70 sentences
Kapitel 8: Die erste Veränderung
Chapter 8 · Das Bildnis des Dorian Gray · B1 German. Tip: Click on any word while reading to see its translation. Take your time with each chapter and review the vocabulary before moving on.
Chapter Summary
Dorian kehrt nach Hause zurück und bemerkt, dass sein Porträt sich verändert hat - der Mund zeigt einen grausamen Zug. Er erfährt, dass Sibyl sich umgebracht hat.
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Comprehension Questions
4 questions
1
Was tat Dorian, als Lord Henry mit der Nachricht kam?
2
Wie ist Sibyl Vane gestorben?
3
Wie überzeugt Lord Henry Dorian, Sibyls Tod zu akzeptieren?
4