Dorian fand Sibyl in ihrer kleinen Garderobe. Sie trug noch immer ihr Julia-Kostüm. Ihr Gesicht strahlte vor Freude. 'War ich heute Abend nicht wunderbar?' fragte sie glücklich. Dorian starrte sie ungläubig an. 'Wunderbar? Du warst schrecklich!' 'Du hast alles ruiniert. Du warst absolut entsetzlich.' Sibyl lachte leise, ohne zu verstehen. 'Dorian, ich war schrecklich, weil ich die wahre Liebe gefunden habe.' 'Vor dir kannte ich nur die Schauspielerei.' 'Das Theater war meine ganze Welt.' 'Ich konnte Julia werden, weil ich die wahre Liebe nicht kannte.' 'Aber jetzt habe ich dich, und alles ist anders.' 'Wie kann ich auf der Bühne Liebe nur spielen?' 'Wie kann falsche Liebe sich mit dem vergleichen, was wir haben?' Sie streckte die Hände aus, um seine zu nehmen. Dorian trat kalt von ihr zurück. 'Weißt du, was du getan hast?' sagte er. 'Du hast meine Liebe getötet.' Sibyls Gesicht wurde weiß. 'Dorian, was meinst du?' 'Ich liebte dich, weil du eine große Künstlerin warst.' 'Ich liebte dich, weil du jede Frau werden konntest.' 'Du warst Julia. Du warst Rosalinde. Du warst Imogen.' 'Aber heute Abend warst du nichts. Nur ein hübsches Mädchen.' 'Ohne deine Kunst bist du mir nichts.' Tränen begannen aus Sibyls Augen zu fallen. 'Aber ich habe meine Kunst für dich aufgegeben!' 'Ich tat es, weil ich dich so sehr liebe.' 'Dann hast du dich umsonst geopfert,' sagte Dorian. Seine Stimme war wie Eis. 'Du hast dich wertlos gemacht.' Sibyl warf sich ihm zu Füßen. 'Dorian, bitte! Verlass mich nicht!' 'Ich könnte es nicht ertragen, wenn du mich verließest.' 'Ich werde versuchen, besser zu spielen. Ich verspreche es.' Aber Dorian riss sich von ihr los. 'Fass mich nicht an,' sagte er mit Abscheu. 'Du hast mich vollkommen enttäuscht.' 'Ich will dich nie wieder sehen.' Er ging zur Tür, ohne sich umzusehen. 'Dorian!' schrie Sibyl qualvoll. Aber er war schon fort. Sie lag auf dem Boden und schluchzte unkontrolliert. Draußen ging Dorian durch die dunklen Straßen. Seine Wut begann langsam zu verblassen. Er dachte darüber nach, was er zu Sibyl gesagt hatte. Vielleicht war er zu grausam gewesen. Sie hatte ihn nur lieben wollen. Aber die Erinnerung an ihr schreckliches Schauspiel kehrte zurück. Nein, sagte er sich. Sie hatte verdient, was er gesagt hatte. Er ging stundenlang durch die schlafende Stadt. Der Himmel wurde schon hell, als er nach Hause kam. Er ging direkt in sein Arbeitszimmer. Sein Porträt hing an der Wand wie immer. Aber als er es ansah, stockte ihm der Atem. Etwas war anders. Das Gesicht im Gemälde sah etwas älter aus. Und da war ein grausamer Zug um die Lippen. Ein Ausdruck der Grausamkeit, der vorher nicht da gewesen war. Dorian rieb sich die Augen und sah erneut hin. Nein, er bildete es sich nicht ein. Das Porträt hatte sich verändert. Er erinnerte sich an seinen Wunsch in Basils Atelier. Wenn nur das Bild sich verändern könnte und ich jung bleiben könnte. Konnte es wahr sein? War sein Wunsch in Erfüllung gegangen? Eine kalte Angst schlich sich in sein Herz. Was hatte er getan? Und was würde das Porträt als Nächstes zeigen? Er stand vor dem Gemälde, bis der Tag vollständig anbrach.
B1Chapter 7 / 20522 words70 sentences
Kapitel 7: Die misslungene Vorstellung
Chapter 7 · Das Bildnis des Dorian Gray · B1 German. Tip: Click on any word while reading to see its translation. Take your time with each chapter and review the vocabulary before moving on.
Chapter Summary
Dorian bringt Lord Henry und Basil mit, um Sibyls Aufführung zu sehen. Sie spielt schrecklich, weil wahre Liebe die gespielte Liebe falsch erscheinen lässt. Dorian weist sie grausam zurück.
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Comprehension Questions
4 questions
1
Warum konnte Sibyl an diesem Abend nicht gut spielen?
2
Warum sagte Dorian, dass er Sibyl liebte?
3
Was bemerkt Dorian an seinem Porträt, als er nach Hause kommt?
4