Wochenlang nach dem Mord konnte Dorian nicht schlafen. Jedes Mal, wenn er die Augen schloss, sah er Basils Gesicht. Er brauchte etwas, um zu vergessen. Eines Nachts ging er zu den Docks am Fluss. Dort, im schlimmsten Viertel Londons, waren die Opiumhöhlen. Er war schon oft an diesen Orten gewesen. Heute Nacht brauchte er die Droge mehr denn je. Die Höhle war dunkel und voller Rauch. Menschen lagen auf schmutzigen Matratzen, ihre Augen leer. Dorian bezahlte die alte Frau an der Tür. Er fand eine Ecke und legte sich hin. Das Opium würde Frieden bringen. Es würde ihn vergessen lassen. Als er später ging, packte eine Frau seinen Arm. Sie war dünn und schmutzig, mit wilden Augen. 'Prinz Charming!' rief sie. 'Prinz Charming!' Dorian schob sie weg und eilte hinaus. Er bemerkte den Mann nicht, der ihre Worte gehört hatte. Ein rauer Matrose mit einem harten Gesicht. Der Matrose stand auf und folgte Dorian nach draußen. Die Nacht war dunkel, und die Straßen waren leer. Plötzlich spürte Dorian eine starke Hand auf seiner Schulter. Er wurde gegen eine Wand geworfen. Ein Mann stand über ihm und versperrte ihm den Weg. 'Was wollen Sie?' fragte Dorian und versuchte, ruhig zu klingen. 'Ich habe Geld. Nehmen Sie es und lassen Sie mich gehen.' 'Ich will Ihr Geld nicht,' sagte der Mann. 'Sie hat Sie Prinz Charming genannt.' Dorian gefror das Blut in den Adern. 'Ich bin James Vane,' sagte der Matrose. 'Meine Schwester war Sibyl Vane.' 'Sie haben sie vor achtzehn Jahren getötet.' 'Ich habe geschworen, Sie zu finden und zu töten.' Er zog eine Pistole und richtete sie auf Dorians Kopf. Dorian dachte schnell nach. 'Warten Sie. Denken Sie nach, was Sie da sagen.' 'Vor achtzehn Jahren war ich noch nicht einmal geboren.' 'Schauen Sie mein Gesicht an. Sehe ich für Sie fast vierzig aus?' James Vane zögerte. Er zog Dorian zu einer Gaslaterne. Im gelben Licht betrachtete er Dorians Gesicht. Es war das Gesicht eines jungen Mannes, kaum zwanzig Jahre alt. Glatte Haut, klare Augen, unschuldige Lippen. Das konnte nicht der Mann sein, der Sibyl ruiniert hatte. Dieser Mann wäre jetzt alt. 'Mein Gott,' sagte James. 'Ich hätte beinahe einen Unschuldigen getötet.' 'Verzeihen Sie mir, mein Herr. Ich habe einen schrecklichen Fehler gemacht.' Dorian wartete nicht, um mehr zu hören. Er rannte die Straße hinunter und verschwand in der Dunkelheit. James Vane stand allein da, verwirrt und beschämt. Dann erschien die Frau aus der Opiumhöhle. 'Warum haben Sie ihn gehen lassen?' fragte sie. 'Er ist zu jung. Er ist nicht der Mann, den ich suche.' Die Frau lachte bitter. 'Er ist fast vierzig Jahre alt. Ich kenne ihn seit achtzehn Jahren.' 'Er ist keinen einzigen Tag gealtert.' 'Man sagt, er hat seine Seele dem Teufel verkauft.' James Vanes Gesicht verzerrte sich vor Wut. Er hatte den Mörder seiner Schwester entkommen lassen. Aber er würde ihn wieder finden. Er würde beobachten und warten. Und diesmal würde er sich nicht täuschen lassen. Inzwischen erreichte Dorian sicher sein Zuhause. Er schloss seine Tür ab und saß in der Dunkelheit. Sein Herz hämmerte vor Angst. James Vane hatte ihn nach all den Jahren gefunden. Seine ewige Jugend hatte ihn heute Nacht gerettet. Aber würde sie ihn beim nächsten Mal retten? Die Vergangenheit war zurückgekehrt, um ihn heimzusuchen. Und sie wollte Rache.
B1Chapter 13 / 20547 words70 sentences
Kapitel 13: Mord
Chapter 13 · Das Bildnis des Dorian Gray · B1 German. Tip: Click on any word while reading to see its translation. Take your time with each chapter and review the vocabulary before moving on.
Chapter Summary
Dorian zeigt Basil das schreckliche Porträt. In plötzlicher Wut ersticht Dorian Basil. Das Porträt zeigt nun die blutbefleckten Hände eines Mörders.
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Comprehension Questions
4 questions
1
Wohin geht Dorian, um den Mord zu vergessen?
2
Wer konfrontiert Dorian vor der Opiumhöhle?
3
Wie entkommt Dorian James Vane?
4