Es waren dreiundzwanzig Jahre vergangen, seit ich zum ersten Mal auf der Insel angekommen war. Ich hatte fast aufgehört, an die Kannibalen zu denken. Dann sah ich eines Morgens im Mai etwas, das mir das Blut in den Adern gefrieren ließ. Von meinem Aussichtspunkt aus entdeckte ich fünf Kanus am Strand. Sie waren auf meiner Seite der Insel gelandet, viel näher an meinem Zuhause. Etwa dreißig Wilde saßen um ein Feuer im Sand. Sie tanzten und machten schreckliche Geräusche. Ich konnte sehen, dass sie sich auf ihr grausames Festmahl vorbereiteten. Ich schnappte mir meine Gewehre und schlich durch den Wald näher heran. Ich versteckte mich hinter einem dicken Baum und beobachtete mit Entsetzen. Sie hatten zwei Gefangene aus ihren Kanus mitgebracht. Einen töteten sie sofort und begannen ihn zu kochen. Der andere Gefangene blieb gefesselt und wartete auf das gleiche Schicksal. Ich war erfüllt von Wut über diese grausame Szene. Dann geschah etwas Unerwartetes. Der gefesselte Gefangene befreite sich plötzlich von seinen Bewachern. Er rannte mit unglaublicher Geschwindigkeit von ihnen weg. Er rannte direkt auf mein Versteck zu! Drei Wilde jagten ihm mit erhobenen Waffen hinterher. Der Flüchtling war schneller, aber die anderen holten auf. Zwischen ihm und der Sicherheit lag ein kleiner Bach. Ohne zu zögern stürzte sich der Gefangene hinein und schwamm hinüber. Er war ein ausgezeichneter Schwimmer und erreichte schnell die andere Seite. Zwei seiner Verfolger hielten am Wasserrand an. Sie kehrten zum Festmahl zurück und gaben die Verfolgung auf. Aber der dritte Mann schwamm hinüber und setzte die Verfolgung fort. Nun stand nur noch ein Feind zwischen dem Gefangenen und der Freiheit. Ich sah meine Chance und traf eine schnelle Entscheidung. Ich rannte aus meinem Versteck auf die beiden Männer zu. Der Verfolger war dabei, den Flüchtling mit seiner Holzkeule zu schlagen. Ich schlug ihn mit dem Kolben meines Gewehrs nieder. Ich wollte nicht schießen und die anderen mit dem Lärm alarmieren. Der Flüchtling blieb stehen und starrte mich erstaunt an. Er hatte noch nie einen weißen Mann oder ein Gewehr gesehen. Ich lächelte und winkte ihn näher heran. Er näherte sich langsam, noch immer unsicher und ängstlich. Dann begann der Wilde, den ich niedergeschlagen hatte, sich zu regen. Der Flüchtling sah dies und wirkte verängstigt. Er zeigte auf seinen Feind und machte Gesten, um mich um Hilfe zu bitten. Ich reichte ihm mein Schwert, und er verstand sofort. Mit einem schnellen Hieb tötete er den Mann, der ihn verfolgt hatte. Er gab mir das Schwert mit einem dankbaren Lächeln zurück. Dann tat er etwas, das mich sehr überraschte. Er kniete nieder und legte meinen Fuß auf seinen Kopf. Dies war seine Art zu zeigen, dass er nun mein Diener war. Er würde mir für immer dankbar sein, dass ich sein Leben gerettet hatte. Ich hob ihn auf und deutete an, dass wir schnell gehen sollten. Die anderen Wilden könnten nach ihrem Gefährten suchen kommen. Wir eilten durch den Wald zu meiner Festung. Der junge Mann folgte mir ohne Frage oder Zögern. Ich führte ihn zu meiner Höhle und gab ihm Essen und Wasser. Er aß hungrig, denn er war eine Zeit lang Gefangener gewesen. Ich gab ihm Kleidung zum Anziehen, was ihn zunächst verwirrte. Er hatte nie etwas anderes als einen einfachen Lendenschurz getragen. Die Hose und das Hemd fühlten sich fremd auf seinem Körper an. Aber er trug sie stolz, um mir zu gefallen. Ich musste ihm einen Namen geben, damit ich mit ihm sprechen konnte. Ich erinnerte mich, dass heute ein Freitag war. Also beschloss ich, ihn Freitag zu nennen, den Tag, an dem ich sein Leben rettete. Ich zeigte auf ihn und sagte mehrmals 'Freitag'. Er wiederholte das Wort und lachte vor Freude. Dann zeigte ich auf mich selbst und sagte 'Herr'. Er verstand und nannte mich von diesem Tag an Herr. In dieser Nacht schlief Freitag außerhalb meiner Festung. Ich wusste noch nicht, ob ich ihm völlig vertrauen konnte. Ich nahm alle meine Waffen hinein und versperrte den Eingang. Aber als der Morgen kam, wartete Freitag geduldig draußen. Er lächelte, als er mich sah, und verneigte sich. Ich erkannte, dass er mir wirklich treu dienen wollte. Nach dreiundzwanzig Jahren allein hatte ich endlich einen Gefährten.
B1Chapter 11 / 15694 words70 sentences
Die Kannibalen
Chapter 11 · Robinson Crusoe · B1 German. Tip: Click on any word while reading to see its translation. Take your time with each chapter and review the vocabulary before moving on.
Chapter Summary
Robinson wird Zeuge eines erschreckenden Rituals und muss entscheiden, was er tun soll.
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Comprehension Questions
4 questions
1
Warum benutzte Robinson den Kolben seines Gewehrs, anstatt den Verfolger zu erschieĂźen?
2
Wie zeigte Freitag seine Dankbarkeit, nachdem Robinson ihn gerettet hatte?
3
Wie viele Kanus entdeckte Robinson an jenem Maimorgen am Strand?
4