Sarah hatte ein altes Haus von ihrer Großmutter geerbt, die letzten Monat verstorben war. Das Haus lag am Rand der Stadt, umgeben von hohen Eichen. Sarah hatte dieses Haus nicht mehr besucht, seit sie ein Kind war. Sie erinnerte sich daran, hier Sommer verbracht zu haben, im Garten gespielt und die vielen Zimmer erkundet zu haben. Jetzt stand sie vor dem Eingang und hielt den rostigen Schlüssel in der Hand. Die Tür quietschte laut, als sie sie aufdrückte. Staub schwebte in der Luft, beleuchtet vom Nachmittagssonnenlicht. Die Möbel waren mit weißen Laken bedeckt, wie schlafende Geister. Sarah ging durch den Flur, ihre Schritte hallten auf dem Holzboden wider. Sie beschloss, am nächsten Tag mit dem Putzen des Hauses zu beginnen. Vorerst wollte sie sich nur umsehen und erinnern. Sie stieg die Treppe in den zweiten Stock hinauf. Hier oben gab es vier Schlafzimmer und ein Badezimmer. Als letztes betrat sie das Schlafzimmer ihrer Großmutter. Dieses Zimmer roch nach Lavendel, genau wie sie es in Erinnerung hatte. Auf dem Nachttisch stand ein gerahmtes Foto von Sarah als kleines Mädchen. Sarah hob es auf und lächelte traurig. Sie vermisste ihre Großmutter schrecklich. Als sie das Foto zurückstellte, bemerkte sie etwas Seltsames. Die Tapete hinter dem Kleiderschrank sah anders aus als der Rest der Wand. Sarah versuchte, den schweren Kleiderschrank zu bewegen, aber es war allein zu schwierig. Sie rief ihren Freund Mark an, der in der Nähe wohnte, und bat um Hilfe. Mark kam innerhalb von zwanzig Minuten an. 'Was hast du gefunden?' fragte er neugierig, als er das Zimmer betrat. 'Ich bin mir noch nicht sicher,' antwortete Sarah. 'Hilf mir, diesen Kleiderschrank zu bewegen.' Zusammen schoben sie den Kleiderschrank zur Seite. Dahinter war eine kleine Tür, kaum sichtbar und passend zur Wand gestrichen. 'Eine versteckte Tür!' rief Mark überrascht aus. Sarahs Herz schlug schnell, als sie nach dem Griff griff. Die Tür war verschlossen, aber der Schlüssel vom Nachttisch passte perfekt. Welcher Schlüssel vom Nachttisch, fragte sich Sarah einen Moment. Sie hatte dort vorher keinen Schlüssel bemerkt, aber irgendwie wusste sie genau, wo sie ihn finden konnte. Hinter der Tür war eine schmale Treppe, die nach oben führte. 'Es muss ein Zimmer auf dem Dachboden geben, von dem ich nie wusste,' sagte Sarah leise. Mark benutzte seine Handytaschenlampe, um das dunkle Treppenhaus zu beleuchten. Sie stiegen vorsichtig hinauf, die alten Holzstufen knarrten unter ihrem Gewicht. Oben an der Treppe fanden sie eine weitere Tür. Diese war unverschlossen und öffnete sich leicht. Sarah schnappte nach Luft, als sie sah, was drinnen war. Das Zimmer war wie ein kleines Museum, gefüllt mit Gemälden und antiken Gegenständen. Es gab alte Bücher, die auf Regalen gestapelt waren, die bis zur Decke reichten. Ein wunderschöner Holzschreibtisch stand in der Nähe eines runden Fensters, das mit Staub bedeckt war. 'Das ist unglaublich,' flüsterte Mark und sah sich erstaunt um. Sarah ging zum Schreibtisch und fand mehrere alte Briefe, die mit einem Band zusammengebunden waren. Die Briefe waren an ihre Großmutter adressiert, von jemandem namens Eleanor. Sarah hatte diesen Namen in ihrer Familie noch nie gehört. Sie öffnete vorsichtig einen der Briefe und begann zu lesen. Der Brief enthüllte, dass Eleanor die Zwillingsschwester ihrer Großmutter war. Sarahs Hände zitterten, als sie weiterlas. Eleanor war eine Künstlerin gewesen, die um die Welt reiste und schöne Dinge sammelte. Sie war vor vielen Jahren während einer Expedition in Südamerika verstorben. Sarah konnte nicht verstehen, warum ihre Familie ihr nie von Eleanor erzählt hatte. Die Gemälde an den Wänden waren alle mit Eleanors Namen signiert. Sie zeigten wunderschöne Landschaften von Orten, die Sarah nur aus Büchern kannte. Mark fand ein altes Fotoalbum und rief Sarah herbei. Die Fotos zeigten zwei identische Mädchen, die als Kinder zusammen spielten. 'Das müssen deine Großmutter und Eleanor sein,' sagte Mark sanft. Sarah fand ein Tagebuch, das in einer Schublade des Schreibtisches versteckt war. Das Tagebuch gehörte ihrer Großmutter und erklärte alles. Eleanors Tod war für die Familie zu schmerzhaft gewesen, um darüber zu sprechen. Ihre Großmutter hatte dieses Zimmer als Gedenkstätte für ihre geliebte Schwester bewahrt. Sarah verbrachte Stunden damit, das Tagebuch und die Briefe zu lesen. Sie erfuhr von Eleanors Abenteuern, ihrer Kunst und ihrer tiefen Verbindung zu ihrer Zwillingsschwester. Als es draußen dunkel wurde, schlug Mark vor, dass sie für die Nacht gehen sollten. Sarah stimmte zu, wusste aber, dass sie morgen wiederkommen würde, um mehr zu erfahren. In dieser Nacht rief sie ihre Mutter an und fragte nach Eleanor. Es gab eine lange Stille, bevor ihre Mutter schließlich sprach. 'Deine Großmutter ließ uns versprechen, sie nie zu erwähnen,' erklärte ihre Mutter. 'Der Schmerz, ihre Zwillingsschwester verloren zu haben, war etwas, das sie ihr ganzes Leben lang still mit sich trug.' Sarah verstand jetzt, warum das Zimmer so lange geheim gehalten worden war. Es war ein privater Ort, an dem ihre Großmutter sich erinnern und trauern konnte. In den folgenden Wochen restaurierte Sarah sorgfältig das vergessene Zimmer. Sie reinigte die Gemälde, ordnete die Bücher und las jeden Brief. Sie fühlte sich ihrer Großmutter und Eleanor näher als je zuvor. Das vergessene Zimmer war kein Geheimnis mehr, sondern ein Schatz, der geteilt werden sollte.