Vor langer Zeit gab es ein friedliches Königreich, umgeben von hohen Bergen. Die Menschen lebten glücklich unter der Herrschaft eines weisen und sanften Königs. Eines Tages kam eine mächtige Hexe an die Schlosstore. Sie verlangte, dass der König ihr die königliche Krone gebe. Der König lehnte ab, weil die Krone dem Volk gehörte. Die Hexe wurde wütend und hob ihre Hände zum Himmel. 'Wenn ich die Krone nicht haben kann, dann soll sie niemand haben!' schrie sie. Dunkle Wolken sammelten sich über dem Königreich, als sie schreckliche Worte sprach. Ein kalter Wind fegte durch die Straßen und alle erstarrten an Ort und Stelle. Die Menschen, die Tiere und sogar die Vögel verwandelten sich in grauen Stein. Die Hexe lachte und verschwand in einer Wolke aus schwarzem Rauch. Jahre vergingen, und das Königreich blieb still und reglos. Jenseits der Berge, in einem kleinen Dorf, lebte ein junger Hirte namens Thomas. Thomas hatte seit seiner Kindheit Geschichten über das verfluchte Königreich gehört. Die meisten Menschen glaubten, dies seien nur alte Geschichten, um Kinder zu erschrecken. Aber Thomas fragte sich immer, ob an den Legenden etwas Wahres war. Eines Morgens, während er nach einem verlorenen Schaf suchte, kletterte er höher als gewöhnlich. Am Gipfel des Bergpasses sah er etwas, das sein Herz stocken ließ. Unter ihm erstreckte sich ein riesiges Königreich aus grauen Steingebäuden und Statuen. Die Statuen waren Menschen, die bei ihren täglichen Aktivitäten erstarrt waren. Thomas wusste sofort, dass die Geschichten die ganze Zeit wahr gewesen waren. Er machte sich vorsichtig auf den Weg hinunter in die stillen Straßen. Ein steinerner Händler stand hinter seinem Wagen, für immer nach Münzen greifend. Kinder waren mitten im Lachen erstarrt, ihre steinernen Gesichter lächelten noch immer. Thomas empfand tiefe Traurigkeit, als er durch die erstarrte Stadt ging. In der Nähe des Brunnens bemerkte er eine alte Frau, die nicht aus Stein war. Sie saß auf einer Bank, eingehüllt in einen abgetragenen grauen Umhang. 'Du kannst mich sehen', sagte sie mit Überraschung in ihrer Stimme. 'Wer seid Ihr?' fragte Thomas und näherte sich ihr vorsichtig. 'Ich bin die Königin dieses Reiches, oder was davon übrig ist.' Sie erklärte, dass der Fluch der Hexe sie aus einem grausamen Grund verschont hatte. 'Sie wollte, dass ich mein Volk für die Ewigkeit leiden sehe', sagte die Königin. Thomas fragte, ob es irgendeinen Weg gäbe, den Fluch zu brechen. Die Augen der Königin füllten sich mit einem kleinen Funken Hoffnung. 'Es gibt einen Weg, aber niemand hat es je geschafft', flüsterte sie. Drei goldene Schlüssel waren im ganzen Königreich versteckt. Jeder Schlüssel stand für eine Tugend: Mut, Güte und Weisheit. Nur jemand, der alle drei Tugenden besaß, konnte sie finden. 'Ich bin nur ein einfacher Hirte', sagte Thomas zweifelnd. 'Vielleicht ist genau das nötig', antwortete die Königin mit einem sanften Lächeln. Thomas beschloss es zu versuchen, obwohl er Angst hatte. Die Königin sagte ihm, dass der erste Schlüssel von einem Biest im dunklen Wald bewacht wurde. Thomas ging stundenlang, bis er den Rand des Waldes erreichte. Die Bäume waren so dicht, dass fast kein Licht hindurchdringen konnte. Seltsame Geräusche hallten aus der Tiefe der Schatten. Seine Beine wollten davonlaufen, aber er zwang sich weiterzugehen. Auf einer Lichtung fand er einen riesigen Wolf mit silbernem Fell. Der Wolf knurrte und zeigte seine gewaltigen Zähne. Thomas bemerkte etwas, das um den Hals des Wolfs glänzte: einen goldenen Schlüssel. Er bemerkte auch, dass die Pfote des Wolfs in einer alten Falle gefangen war. Anstatt anzugreifen, näherte sich Thomas langsam dem verletzten Tier. 'Ich werde dir nicht wehtun', sagte er sanft. Mit vorsichtigen Händen öffnete er die Falle und befreite die Pfote des Wolfs. Der Wolf hörte auf zu knurren und sah Thomas mit verständnisvollen Augen an. Er senkte seinen Kopf und erlaubte Thomas, den ersten Schlüssel zu nehmen. Thomas hatte Mut gezeigt, indem er den Wald betrat, und Güte, indem er dem Wolf half. Die Königin hatte gesagt, der zweite Schlüssel läge auf dem Grund eines zugefrorenen Sees. Thomas fand den See im Zentrum des Königreichs. Das Wasser war zu so dickem Eis geworden, dass er nicht hindurchsehen konnte. Ein alter Mann saß neben dem See und angelte durch ein kleines Loch im Eis. Anders als die Statuen konnte dieser Mann sich bewegen und sprechen. 'Ich weiß, warum du gekommen bist', sagte der alte Mann, ohne aufzuschauen. 'Könnt Ihr mir helfen, den Schlüssel zu erreichen?' fragte Thomas. 'Ich werde dir ein Rätsel stellen. Antworte richtig, und das Eis wird schmelzen.' Der alte Mann fragte: 'Was ist stärker als Stahl, kann aber durch ein einziges Wort zerbrochen werden?' Thomas dachte lange über das seltsame Rätsel nach. Er erinnerte sich daran, wie das Vertrauen seiner Mutter in ihn ihn stark gemacht hatte. Er erinnerte sich auch daran, wie eine einzige Lüge dieses Vertrauen einmal zerbrochen hatte. 'Die Antwort ist Vertrauen', sagte Thomas zuversichtlich. Der alte Mann lächelte, und das Eis begann zu brechen und zu schmelzen. Auf dem Grund des seichten Wassers lag der zweite goldene Schlüssel. Thomas watete hinein und holte ihn vorsichtig heraus. Nun musste er den dritten und letzten Schlüssel finden. Die Königin hatte gewarnt, dass dieser Schlüssel am schwierigsten zu erlangen sei. Er war im höchsten Turm des Schlosses versteckt. Der Turm wurde vom Schatten der Hexe bewacht, einem Geschöpf aus reiner Dunkelheit. Thomas stieg die Wendeltreppe hinauf, was sich wie Stunden anfühlte. Oben angekommen fand er einen Raum voller Spiegel. In jedem Spiegel sah er eine andere Version von sich selbst. Einer zeigte ihn als reichen König, ein anderer als mächtigen Krieger. Der Schatten sprach aus der Dunkelheit: 'Wähle, wer du werden willst.' 'Wenn du weise wählst, gehört der Schlüssel dir.' Thomas betrachtete all die prächtigen Versionen seiner selbst. Dann bemerkte er einen kleinen Spiegel, den der Schatten zu verbergen versucht hatte. In diesem Spiegel sah er einfach sich selbst: einen Hirten mit freundlichen Augen. 'Ich entscheide mich, zu bleiben, wer ich bin', sagte Thomas bestimmt. Der Schatten schrie, als alle anderen Spiegel zerbrachen. Der dritte goldene Schlüssel erschien in Thomas' Hand. Thomas rannte mit allen drei Schlüsseln zur Königin zurück. Sie führte ihn zu einer goldenen Tür unter dem Schloss. Die Tür hatte drei Schlüssellöcher in Form eines Herzens, eines Sterns und einer Sonne. Thomas steckte jeden Schlüssel an seinen richtigen Platz. Ein warmes goldenes Licht brach aus der Tür hervor und breitete sich über das Königreich aus. Die Steinstatuen begannen zu zerbrechen, als die Farbe in die Welt zurückkehrte. Menschen streckten sich und schauten verwirrt umher. Kinder lachten weiter, als wäre keine Zeit vergangen. Der König umarmte seine Königin mit Freudentränen. Thomas wurde im ganzen Land als Held geehrt. Aber als ihm Reichtümer und Titel angeboten wurden, lehnte er höflich ab. Er kehrte in sein Dorf zurück, glücklich, wieder ein Hirte zu sein.

German Story (B1)Das verfluchte Königreich
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aboutStory
Ein junger Hirte entdeckt, dass sein Dorf am Rand eines verfluchten Königreichs liegt, in dem alle zu Stein verwandelt wurden. Bewaffnet mit Mut und Güte muss er den Zauber brechen, indem er die drei Schlüssel der Tugend findet, die im ganzen erstarrten Land versteckt sind.
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Comprehension Questions
4 questions
1
Warum verfluchte die Hexe das Königreich?
2
Wie erhielt Thomas den ersten goldenen Schlüssel?
3
Was war die Antwort auf das Rätsel des alten Mannes?
4


